Dienstag, 6. Juli 2010 10:01 - Von R. Köhler und K. Lange
Schlechte Nachrichten zum letzten Schultag: Nach den Sommerferien werden nach Berechnungen der Gewerkschaft GEW 630 Lehrer fehlen. Und das Geld für Vertretungslehrer wird knapp.
Am letzten Schultag vor den Ferien ist das Chaos an vielen Berliner Schulen auf dem Höhepunkt: Die Aussicht, dass noch 630 Lehrer fehlen und die Schulen ihre verbliebenen Honorarmittel für eine kurzfristige Einstellung im Vertretungsfalle an das Land zurückgegeben müssen, lässt viele Schulleiter
unruhig in die Ferienzeit gehen. Zum Beispiel Christine Frank, Schulleiterin der Karl-Krämer-Grundschule im Wedding. Sie weigert sich, fehlende Stellen mit Mitteln aus dem Vertretungstopf zu finanzieren. „Schulen müssen zunächst einmal zu 100 Prozent mit Personal ausgestattet sein. Wenn dann Lehrkräfte krank werden, greifen die Mittel aus dem Vertretungstopf“, sagt sie. Mit diesen Mitteln könne man zudem nur befristete Anstellungen machen. „Für die Grundausstattung einer Schule sind befristete Verträge aber fatal, weil kontinuierliches Arbeiten gar nicht möglich ist“, so Frank. Junge, gut ausgebildete Kollegen würden zudem solche Fristverträge ablehnen und lieber feste Verträge in anderen Bundesländern annehmen.Erst am vergangenen Freitag haben Eltern und Schüler der Sonnen-Grundschule in Neukölln gegen den Lehrermangel protestiert. An der Schule sind fast 90 Prozent der Kinder nicht deutscher Herkunft, die eine besondere Sprachförderung brauchen. Doch gerade die Förderstunden fielen immer wieder aus, weil die Lehrer in anderen Klassen einspringen müssten, sagt Schulleiterin Renate Lauzemis. Sie wolle endlich Planungssicherheit.
Protest kommt auch von Schulen, denen Lehrerstellen gestrichen werden sollen. Nun haben Schüler und Lehrer der Fichtenberg-Oberschule in Steglitz ein Protestschreiben bei Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) abgegeben. Sie fordern, die Streichung von 30 Lehrerstunden im Integrationsbereich zurückzunehmen. Das entspricht etwas mehr als einer Vollzeitstelle. An der Schule werden Blinde und Sehbehinderte mit Kindern ohne Sehbehinderung zum Abitur geführt. Diese Arbeit sei jetzt gefährdet, heißt es.
Auch an anderen Schulen, wie dem Gottfried-Keller-Gymnasium und der Grundschule an der Bäke, fehlen noch Lehrer.
Die Vereinigung Berliner Schulleiter will den Lehrermangel grundsätzlich angehen. Frühzeitigere Einstellungen und eine mindestens 100-prozentige Ausstattung der Schulen mit Personal sind nur zwei ihrer Forderungen. „Außerdem sollten die Schulleiter Zugang zu den schuleigenen Daten haben und diese selbst pflegen können“, sagt Vorsitzender Paul Schuknecht. Das würde verhindern, dass von einer falschen Annahme bezüglich der Schülerzahlen und des Personalbedarfs ausgegangen werde. Im Moment obliegt das der bezirklichen Schulaufsicht. Schuknecht schlägt zudem vor, Referendare unter Vorbehalt einzustellen. Bei einem Abschluss, der in etwa der Vornote entspreche, sollte sich die Anstellung in eine feste Stelle umwandeln.
Mike Senftleben, Bildungsexpertin der FDP, bezeichnete die Rückforderung nicht ausgegebener Honorarmittel als einen „Akt der Unverschämtheit“. Damit werde den Schulen das letzte Fünkchen Eigenverantwortung genommen. Das Personalbudget sei 2007 eingeführt worden, damit sie selbstständig wirtschaften könnten. Dabei sei ihnen zugesagt worden, dass nicht ausgegebene Mittel ins Folgejahr übertragen und auch für zum Schulprofil passende Projekte verwendet werden könnten.
Andreas Statzkowski von der CDU-Fraktion schließt sich dieser Kritik an. „Wo bleibt der Anreiz, verantwortungsbewusst mit diesem Budget umzugehen, wenn der Rest am Schluss einkassiert wird“, sagt er. Bislang erlaube das Budget den Schulen, vorhandene Defizite flexibel auszugleichen